Olivier Guéniat, Kommandant der jurassischen Kantonspolizei und anerkannter Kriminologe, beweist uns anhand von Zahlen, dass die Sicherheit in der Schweiz nicht abnimmt.
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Olivier Guéniat Olivier Guéniat war 13 Jahre lang Chef der Neuenburger Sicherheitspolizei und ist nun der neue Kommandant der jurassischen Kantonspolizei. Als promovierter Kriminologe hat er verschiedene Publikationen zu Themen wie Jugendgewalt oder Ausländerkriminalität veröffentlicht. Gleichzeitig ist er Dozent für Kriminologie an der Universität Lausanne, wo er 2001 den Doktortitel in Forensischen Wissenschaften erlangte. |
Die Schweiz sorgt sich um ihre Sicherheit
Herr Guéniat, was halten Sie ganz allgemein vom Sicherheitsempfinden in der Schweiz?
In letzter Zeit war das Sicherheitsgefühl in der Romandie und insbesondere in Genf Ziel von Attacken, wie sie kaum je zuvor erfolgten. Alle mischten sich ein: eine Bundesrätin, eine Staatsrätin, politische Gegner, die Polizei, die Medien. Die Berichterstattung war insgesamt von mittelmässiger Qualität, da sich keine einzige ernstzunehmende Fährte abzeichnete und die Meinungen auch nicht auf etwas Konkretem fussten. Eines ist sicher: Diese Verbissenheit der Medien wird in den Köpfen unauslöschliche Spuren hinterlassen, und das Angstgefühl dürfte eine Stärke erreicht haben, die vielleicht noch jahrelang nicht abflauen wird. Und dennoch sind wir nicht überall im roten Bereich, ganz im Gegenteil.
Wie erlangen wir nun einen besseren Durchblick?
Dazu können wir uns auf die Arbeit der Polizei stützen, die seit 1982 sämtliche Verstösse erfasst. So erfahren wir, dass die Quote der Straftaten pro 1000 Einwohner – für sämtliche Zuwiderhandlungen im Sinne des Schweizerischen Strafgesetzbuches (StGB) – im Jahr 2009 bei 72 lag, 2010 hingegen bei 68. Das heisst, sie ist um 5,5 % gesunken. Die Würfel sind gefallen, die Kriminalität in der Schweiz nimmt nicht ständig zu, sie zeigt nicht nur eine lineare verlaufende, entmutigende Kurve.
Für das öffentliche Bewusstsein sind diese Zahlen in der Tat überraschend. Können Sie uns mehr dazu sagen?
Diese Feststellung irritiert tatsächlich. Nur wenige mögen daran glauben. Bezüglich Entwicklung der Kriminalität deckt sie sich weder mit der subjektiven Wahrnehmung noch mit der Überzeugung der grossen Mehrheit der Bevölkerung. Es gibt demzufolge eine klare Diskrepanz zwischen der Art, wie die effektive Kriminalitätsentwicklung aufgefasst wird, und dem Bild, das aus dem öffentlichen Bewusstsein entsteht. Beobachtet man die Gesamtzahl der Verbrechen und Delikte gegen das Strafgesetzbuch, die in der Polizeilichen Kriminalstatistik des Bundes erscheinen, nämlich 527’987 im Jahr 2010, lässt sich allgemein feststellen, dass 71,7 % der Straftaten Vermögensdelikte sind (insgesamt 378'581) und beinahe die Hälfte davon (48,7 %) Diebstähle betreffen (183’386).
Es sind demnach die Vermögensdelikte, welche die Kriminalitätskurve beeinflussen. Straftaten gegen die physische oder gegen die sexuelle Integrität haben praktisch keinen Einfluss, unabhängig von ihren Schwankungen – es ist dies eine Verhältnisfrage. Und in den letzten 28 Jahren sind die Vermögensdelikte bedeutend zurückgegangen, wodurch sich die Sicherheit erhöhte und die Risiken, Opfer eines Diebstahls zu werden, abnahmen. Die Zahl der Einbruchdiebstähle beispielsweise (Einbrüche in Wohnungen, Geschäfts- und Gewerberäumlichkeiten usw.) lag 2010 bei 50 210 (2009 bei 51'758 und 2008 bei 55’688), während es 1982 deren 71’330 waren und 1998 sogar 83'416. In der Schweiz wurden also im Verlauf von weniger als 13 Jahren über ein Drittel weniger Einbrüche begangen und innerhalb von 28 Jahren betrug ihr Rückgang rund 30 %. Wenn das in Sachen Sicherheit nicht spektakulär ist! Umso mehr, als sich in der Zwischenzeit die Welt bezüglich Mobilität, Kommunikation, Verkehr, Migration, Bevölkerungszahl der Schweiz usw. radikal verändert hat.
Bei den bewaffneten Raubüberfällen, von denen in letzter Zeit oft die Rede ist, weil sie ein unbestreitbares Indiz für Gefährlichkeit überhaupt sind, waren 1982 deren 446 zu verzeichnen, 2010 waren es 356, 2009 ihrer 416 und 2006 sogar nur 212 (über die Hälfte weniger als 1982!), also 20 % weniger im Jahr 2010 als vor 28 Jahren. Nein, die Schweiz ist nicht zur New Yorker Bronx geworden, wie die Zahlen der schweizerischen Polizeilichen Kriminalstatistik 2010 zu den Raubüberfällen vermuten lassen könnten – oder der Medienlärm, den jeder in Genf erfolgte bewaffnete Überfall in den letzten Monaten auslöste, mitsamt der sich damit überbietenden politischen Schengen-Debatte. Im Übrigen ist ein Rückgang der Raubüberfälle (Art. 140 Abs. 1–3 StGB) in der Grössenordnung von 19 % zwischen 2010 (2840) und 2009 (3487) festzustellen.
Bei den Straftaten gegen die physische Integrität sind die schlimmsten Verstösse, das heisst die vorsätzlichen Tötungen, in Betracht zu ziehen. Die Dunkelziffer liegt hier praktisch bei null, denn angesichts der Schwere des Delikts wird die Polizei systematisch eingeschaltet, und sie ermittelt gewissenhaft. 2010 wurden 53 vorsätzliche Tötungen mit Todesfolge registriert, 2009 deren 51, 2008 waren es 54, und 2007 waren es 57; im 1982 waren es hingegen ihrer 83 und vor 20 Jahren sogar 110! Tötungsdelikte mit Schusswaffen (inklusive Versuche) beliefen sich 1982 auf 70 und fielen 2010 auf 40. Nein, die Schweiz ist nicht zum Chicago Europas geworden, die objektiven Risiken, getötet zu werden, sind heute bedeutend geringer als in der Vergangenheit. Diese Bilanz steht im Gegensatz zur kollektiven Vorstellungswelt, die überzeugt ist, dass heute verglichen mit früher enorm viel mehr Leute durch Mord und Totschlag sterben. Was für Trugbilder, was für ein Schlamassel!
Die Anzahl Körperverletzungen mit einer Schusswaffe belief sich 2008 auf 37, gegenüber 105 im Jahre 1982, also ein Rückgang um mehr als die Hälfte! Die neue Statistik sagt aus, dass 2010 die belegte Zahl schwerer Körperverletzungen infolge Schusswaffengebrauchs 10 betrug, 2009 waren es 11. Angesichts der Einwohnerzahl der Schweiz von 7’785’806 im Jahr 2010 ist die Zahl der durch Kugeln verletzten Personen wirklich vernachlässigbar. Eine gute Überraschung, und ein Schlag für die Theorien über die totale Sicherheit. Diesen Zahlen wird oft entgegengehalten, dass die Anzahl weniger gravierender Gewalttaten (strafbar auf Antrag) stark zugenommen habe. Auch hier ist die Wahrnehmung völlig verfälscht: Die Tätlichkeiten sind zwischen 2010 (13’104) und 2009 (13’596) um 4 % zurückgegangen, die Nötigungen nahmen um 12 % ab, die Freiheitsberaubungen/Entführungen sanken um 14 %, die Drohungen um 6 %, die Beteiligungen bei einem Angriff um 3 %, während die Beteiligungen an einem Raufhandel stabil blieben. Nein, nicht alles verschlimmert sich, ganz und gar nicht. Zudem dürfen wir nicht vergessen, dass fast 38 % der Gewalttaten im privaten Bereich erfolgten!
Gehen alle Fachleute in Sicherheitsfragen mit Ihnen einig?
Die von der Polizei erhobenen Daten werden im Moment unverständlicherweise nicht vollumfänglich von der Opferbefragung erhärtet, die Professor Martin Killias vom Kriminologischen Institut der Universität Zürich 2011 geleitet hat. Während er aufzeigt, dass gewisse Straftatbestände gegenüber früheren Untersuchungen vor allem im Vermögensbereich stabil geblieben beziehungsweise im Abnehmen begriffen sind, decken sich die Ergebnisse bezüglich Gewalttaten nicht mit den Beobachtungen, die aus den Zahlen der Polizei hervorgehen. Namentlich auf dieser Feststellung beruhte die Verlautbarung von Professor Killias, der Mythos von der sicheren Schweiz im europäischen Vergleich existiere nicht mehr. Und das ist alles, was man sich nun gemerkt hat. Es muss allerdings erwähnt werden, dass dabei die Situation in der Schweiz im Jahr 2011 mit der Situation in Europa im Jahr 2004 verglichen wurde. Nirgends steht, dass Letztere in der Zwischenzeit nicht einen Anstieg verzeichnet hat. Und ist es wirklich angebracht und vernünftig, Drohungen und physische Gewalt in einen Topf zu werfen? Ich persönlich denke nein, und ich ziehe es vor, meine Meinung weiterhin auf die objektivsten Indikatoren abzustellen. Hätte die körperliche Gewalt in unserer Gesellschaft derart zugenommen, gäbe es mit Sicherheit mehr Schwerverletzte, mehr Waffen-gebrauch und letztlich auch mehr ermordete Personen zu verzeichnen. Die Tendenz ist aber umgekehrt, und bei den schweren Gewalttaten ist die Dunkelziffer wiederum quasi gleich null. Andererseits blieb in der Berichterstattung über diese Umfrage gänzlich unerwähnt, dass die Bevölkerung grosses Vertrauen in die Arbeit der Polizei hat und dass sich nur 11 % der Befragten an etwas störten. Andersherum gesagt: 89 % stiessen sich nicht an Abfällen, Vandalismus, in den Strassen herumhängenden Jugendlichen, Drogenhabhängigen usw. Hätte sich die Lage derart verschlechtert, wäre dann das Vertrauen der Bevölkerung in die Polizei noch immer so gross, und würden sich die Leute nicht vermehrt Sorgen machen? Es gibt folglich Widersinnigkeiten, die sich momentan nicht rational erklären, aber vermutlich in den kommenden Jahren besser interpretieren lassen.
Sehen Sie Wege, um auf die neuen Herausforderungen an die Sicherheit einzugehen?
All das Gesagte soll uns nicht dazu verleiten abzustreiten, dass es vor allem in Zusammenhang mit Gewalt bedeutende Probleme gibt. Und dass sie mit dem Auftreten neuer gesellschaftlicher Aspekt entstehen, so etwa dem Konsum von Pornos, Cannabis und Alkohol, dem Freizeitverhalten von Jugendlichen und dem Nachlassen der elterlichen Kontrolle, dem auf die Jungen ausgerichteten Konsumgütermarkt oder auch der Schwächung des sozialen Status bei einigen unter ihnen. Um auf diese Herausforderungen einzutreten, sind immer Aktionen in drei Richtungen erforderlich: präventiv, kurativ und repressiv. Diese sollen in einem ausgewogenen und wohlüberlegten Gleichgewicht sein und auf den jeweiligen Bedarf der verschiedenen Regionen der Schweiz ausgerichtet sein. Über die Sicherheit sollte keine nationale Debatte geführt werden. Merken wir uns, dass auf nationaler Ebene angebotene, zu sehr vereinfachte und wahltaktische Vorschläge keine umsetzbaren Lösungen bieten. Und wenn uns schon bekannt ist, dass Kriminalität eng mit der Unsicherheit des sozialen Status, dem Schulzugang, der Ausbildung und ganz allgemein mit der Integration einhergeht, denken wir auch daran, dass in erster Linie auf diesen Ebenen investiert werden muss. Denn diese Variablen ermöglichen es uns, in einer noch besseren Gesellschaft leben zu können.
Ein kurzes Schlusswort?
Letztlich müssen wir auf der «therapeutischen» Notwendigkeit beharren, den Umgang mit Gewalt, wie sie von den Medien dargestellt wird – das heisst brühwarm, als Einzelfall, subjektiv und emotional – mit einer distanzierteren rationalen Analyse zu kombinieren, die sich auf objektivere, bezifferbare und auf Fakten beruhende Elemente abstützt. Die Bevölkerung hat jedoch keine andere Wahl und ist gezwungen, sich mit den Worten der fast thinkers zu begnügen, die unter dem Druck der Dringlichkeit ihre Informationen schleunigst weitergeben. Weil jeglicher Zusammenhang zwischen Zeit und Qualität einer Äusserung verneint wird, tendieren Journalistinnen und Journalisten gegenwärtig dazu, schneller zu denken oder aber das Wort an Gesprächspartner zu übergeben mit der Bitte, schnell zu denken. Deshalb sollten wir, zusammen mit dem französischen Soziologen Pierre Bourdieu an die Notwendigkeit erinnern, sowohl beim Fernsehen wie beim Radio oder in der schriftlichen Presse gegen das fast thinking anzukämpfen. Denn laut Bourdieu bleibt die artikulierte Rede (le discours articulé), die allmählich aus den Fernsehstudios verbannt wurde, eine der sichersten Formen, um Manipulationen zu widerstehen und die Gedankenfreiheit unter Beweis zu stellen.